Ist ein Elektroauto „umweltfreundlich“ oder nur weniger „umweltschädlich“?

Es soll in diesem Beitrag nicht um die Frage des besten Antriebskonzepts gehen. Nicht darum, ob Elektroautos weniger umweltschädlich und Verbrenner weniger umweltfreundlich sind. Ebenso wenig soll erörtert werden, ob das Attribut umweltfreundlich eher zum Elektroauto passt, beim Verbrenner indes die Assoziation umweltschädlich näher liegt. Das Thema ist vielmehr der Sinnzusammenhang der beiden Adjektive. Kann man überhaupt, von trivialen Fällen abgesehen, sicher sagen, etwas sei umweltfreundlich oder umweltschädlich? Und was genau, sollte das jeweils bedeuten?

Semantik

Die Fragestellung hat zwei Hauptaspekte, eine philosophische und eine logisch-semantische. Wir beginnen mit dem Letzteren. „Wahre“ und „falsche“ Aussagen kann man im strengen Sinne nur innerhalb eines axiomatischen Systems treffen. Im realen Leben bewegt sich alles irgendwo dazwischen, vor allem auch deshalb, weil die Wortbedeutungen unscharf sind.

Konkret ist hier „umweltfreundlich“ ein genauso unscharfes Adjektiv wie „umweltschädlich“.  In beiden Attributen klingt ein gewisser Absolutheitsanspruch durch, den zu verifizieren kaum gelingen kann. Mit Sicherheit wird man auch keinen allgemeinen Konsens darüber erzielen können, wo genau die Grenze liegt. Treffender ist es, stattdessen von „umweltschonend“ zu sprechen. Darin steckt viel weniger Wertung, obwohl immer noch offenbleibt, was genau damit gemeint sein mag. Sinnvoll erscheint zunächst einmal eine relative Definition. Die eine technische Lösung oder Handlungsweise ist umweltschonender als die andere, wenn sie in der Umwelt räumlich und zeitlich eine weniger starke Wirkung hinterlässt.

Logik

Darüber hinaus gibt es ein im eigentlichen Sinne logisches Problem. Es ist eine banale Erkenntnis, dass technische Systeme (und ihre Nutzung durch uns) die Umwelt immer in mehrerlei Hinsicht tangieren. Sie sind von ihr abhängig sind und beeinflussen sie. In der Regel reden wir hier von einer komplexen multifaktoriellen Beeinflussung bzw. Wechselbeziehung. Die Begründung für das Logikproblem ist einfach. Systeme, die durch mehr als nur einen Parameter charakterisiert werden (nur solche gibt es in der Realität), lassen sich nicht eindeutig in eine Ordnung bringen. Man kann nicht zwingend darlegen, dass das System mit der Charakteristik (2 5) besser oder schlechter ist als das System mit der Charakteristik (3 4). Das ist logisch unmöglich.

Ist ein Elektrofahrzeug mit einem Energieverbrauch von 20 kWh pro 100 km bei einer Zuladung von 500 kg und einer Akkukapazität von 80 kWh dem Konkurrenzprodukt mit 16 kWh pro 100 km, 400 kg Zuladung und 60 kWh Akkukapazität überlegen? Es kommt darauf an, wie man das Zusammenspiel der Eigenschaften im Hinblick auf den im Grundsatz willkürlich gesetzten Nutzwert beurteilt.

„Besser“ oder „umweltfreundlicher“ wird ein System erst durch die nicht im absoluten Sinne objektivierbare Bewertung, die wir ihm beimessen. Völlig gleich, wie viele vermeintlich gute Gründe wir dafür finden: Das Resultat wird durch die mehr oder weniger bewusste Entscheidung zur Zielsetzung determiniert und spiegelt daher zwangsläufig unser – unvollständiges – Bild von den Zusammenhängen.

Philosophische Sicht

Umwelt, das ist – im engeren Sinne – die Menge aller natürlichen (und im weiteren Sinne auch der künstlichen) Entitäten und ihrer Wechselbeziehungen. Wir sind Teil der Umwelt und alles was wir tun und lassen, hat Folgen auf das System Umwelt. Schon durch unsere bloße Existenz beeinflussen wir die Umwelt. Mindestens nehmen wir Raum ein, und selbst bei größter Bescheidenheit benötigen wir Ressourcen für unser Überleben.

In unserer zwangsläufig anthropozentrischen und zuweilen auch romantisierenden Perspektive neigen wir dazu, unseren Einfluss auf die Umwelt, sofern er in Richtung einer Veränderung zurück zur Situation vor Auftreten des Menschen geht, als positiv und „umweltfreundlich“ zu begreifen. Den Einfluss in Richtung einer erzwungenen Anpassung der Umwelt auf die Existenz des Menschen und seiner Bedürfnisse verstehen wir oft pauschal als negativ. Aber auch hier gibt es kein simples Richtig oder Falsch. Gut oder schlecht, positiv oder negativ wird unser Wirken erst durch unser eigenes und letztlich willkürlich gesetztes Maß. Die Natur selbst kennt weder Gut noch Böse.

War der Einschlag des Meteoriten, dem vor 65 Mio. Jahren die Dinosaurier zum Opfer gefallen sind, eine Katastrophe? Oder war es doch ein segensreiches Ereignis, weil im Ökosystem mutmaßlich erst dadurch der Freiraum für die Entwicklung der Säugetiere und damit letztlich des Menschen entstanden ist?

Massive Eingriffe auf die Umwelt tragen das Risiko von Instabilität und disruptiver Veränderung in sich. Was danach folgt, muss nicht zwangsläufig „negativ“ sein, es ist aber jedenfalls ungewiss.

Ziel: Eingriffe klein halten

Wir kommen jetzt noch einmal auf den obigen Begriff zurück. Mit dem Attribut „umweltschonend“ messen wir uns am Ziel, den Einfluss auf die Umwelt möglichst klein zu halten. Das ist nicht unvernünftig, weil wir die Folgen unseres Handelns aufgrund der Komplexität des Gesamtsystems Umwelt zumindest in der Langfristperspektive nicht sicher vorhersagen können.  Mehr noch, es fällt sogar schwer, die Auswirkung unseres Tuns auf die Umwelt überhaupt objektiv zu bestimmen. Was wir wahrnehmen, ist immer nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit. Die Vielgestaltigkeit der tatsächlichen, offenen und versteckten, direkten und indirekten Wechselbeziehungen erlaubt uns allenfalls eine Annäherung an die komplexe Realität mit begrenzter Aussagekraft.

Ausgehend vom vorgefundenen stabilen Umweltsystem, liegt es in unserem unmittelbaren Interesse, die Stabilität des Systems zu erhalten. Denn eingedenk der immensen Komplexität wissen wir nicht, wohin es sich entwickeln wird, wenn es den Status quo verlässt und in der Konsequenz möglicherweise in einen Zustand der Instabilität gerät. Besser als das stark wertende Begriffspaar „umweltfreundlich“ vs. „umweltschädlich“ trifft daher die Fragestellung, inwiefern und in welchem Grade technische Lösungen und Handlungen als „umweltschonend“ bezeichnet werden können, den Kern der Diskussion.

Wie muss die Frage formuliert werden?

Die sinnvollere Fragestellung lautet daher: Ist ein Elektroauto „umweltschonender“ als ein Fahrzeug mit konventioneller Motorisierung? Entfaltet also ein Elektroauto im Hinblick auf seine Produktion und den Betrieb sowie der Energiebereitstellung im gesamten Lebenszyklus räumlich und zeitlich eine weniger starke Wirkung auf die Umwelt als ein sonst vergleichbares fossil betriebenes Fahrzeug? – Diese Frage zu beantworten soll indes einem anderen Beitrag vorbehalten bleiben.

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